Buchtipps

Lesetipp - Buchebsprechung

Gisbert Strotdrees
Tatort Dorf
Historische Kriminalfälle vom Land
Landwirtschaftsverlag Münster

„Das hat es doch früher nicht gegeben!“ Wer die Protokollbücher eines ländlichen Gerichts aus münsterländischen Dörfern liest, wird diesen Satz bei Diskussionen über die Kriminalität heute nicht mehr aussprechen. Mord, Totschlag, Familienfehden, Notzucht, Missbrauch, Diebstahl, Raub, Stalking, Mobbing – das gab es alles in den vermeintlich idyllischen Dörfern und in der Ruhe und Weite des Münsterlandes. Gisbert Strotdrees, Redakteur beim Landwirtschaftlichen Wochenblatt, hat aus einer Artikelserie ein faszinierendes, spannendes und historisch erhellendes Buch gestaltet. Verhörprotokolle, Ermittlungsakten, Dorfchroniken, Zeitungsberichte und zeitgenössische Aufzeichnungen hat der Autor ausgewertet.

Das Spektrum reicht von der Ermordung des Kölner Erzbischofs Engelbert im Wald bei Gevelsberg im November 1225 bis zum Fall Bruno Fabeyer im Jahre 1966.

Der Kriminalfall, auf dem die Novelle „Die Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff Bezug nimmt wird ebenso geschildert wie die Ermordung einer Junglehrerin inmitten ihrer Klasse in Ermen bei Lüdinghausen. Die „Macht des Gerüchts und der Vorurteile“ spielt oft eine große Rolle wie im Fall der vergewaltigten und ermordeten Elisabeth Schütte in Enniger. Hier wird gleich die ganze jüdische Gemeinde verdächtigt und es kommt zu einem Pogrom. Nur ein einziger Mensch im Dorf stellt sich den antijüdischen Exzessen entgegen. Moorleichen, die Ermordung eines Zieglers, ein Seher und die Sonnenmonstranz, ein Rindviehzüchter als „Staatsfeind“ – jeder Fall ist sorgfältig dokumentiert und mit allen Facetten geschildert. Dazu fügt Strotdrees interessante Informationen über die Rechtsprechung und die Strafen in der jeweiligen Zeit, in der Soester Börde gab es beispielsweise das Nequam-Buch, hier wurden alle Übeltaten aufgeschrieben. Organisierte Kriminalität gab es schon im 17. Jahrhundert wie der Fall der Nordkirchener Pferdediebe beweist. Und auch Kriminelle, die Kultstatus erlangen, kannte man wie den Wilddieb Hermann Klostermann. Der gut aussehende Mann stand Ende des 19. Jahrhunderts vor Gericht. Frauen höherer und niedriger Stände stürmten den Gerichtssaal und forderten lautstark seine Freilassung. Ein sehr bedrückendes Kapitel ist den „furchtbaren Richtern“ während der Zeit des Nationalsozialismus gewidmet. Neue Formen der Kriminalität kamen mit der Erfindung des Automobils auf. Drähte wurden über Straßen gespannt, Fahrzeuge mit Steinen beworfen und das Dorf Westtönnen bei Werl führte eine Art Raubrittertum wieder ein. Strotdrees schreibt: „ Eine andere Taktik schlugen die Bewohner des Hellwegdorfes ein. Sie erwarben sich den Ruf, eine der ersten Bußgeldfallen Deutschlands aufgebaut zu haben.

1912 wurden 490 Autofahrer angezeigt, die zu Schnell durch Westtönnen gefahren waren – in ganz Westfalen gab es aber nur rund 2 600 Autos. 3 400 Mark flossen in die Dorfkasse.

In keiner anderen Gemeinde der preußischen Provinz Westfalen wurden damals so viele Strafbescheide gegen Autofahrer ausgestellt. Und keine andere Landgemeinde bezog daraus so hohe Einnahmen. Der Rheinisch-Westfälische Automobilclub warnte seine Mitglieder , auf keinen Fall schneller als mit 20km/h durch Westtönnen zu fahren. Außerdem unterstellte der Club, dass die Bewohner des Dorfes eine Vergütung erhielten, wenn sie Autonummern notierten.

Die Regierung in Arnsberg ging dem Verdacht nach und wurde fündig. Tatsächlich zahlte die Gemeinde den Dorfbewohnern für jede erfolgreiche Anzeige Geld. Arnsberg entzog dann dem Ort Westtönnen das ortspolizeiliche Recht. Auch das Dortmunder Landgericht kam in den kleinen Ort und entzog dem Dorf den Status einer „geschlossenen Ortschaft“. Da war es vorbei mit den munter fließenden Einnahmen.

Das Buch ist bebildert, durch werden die Fälle noch plastischer. Eine rundherum gelungene Lektüre, die zu ganz neuen Erkenntnissen und Einsichten zum Thema Kriminalität verhilft.

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